Beitrag vom 10.10.2015

Früher oder später wünscht sich wohl jeder Tierfotograf, einmal eine Hirschbrunft zu fotografieren. Nach einigen mehr oder weniger erfolgreichen Jahren, erfuhr ich von einem Brunftplatz im Tiroler Oberland, wo die Hirsche schon am späten Nachmittag in das freie Gelände ziehen. Der Brunftplatz liegt oberhalb der Waldgrenze und wird von nur wenigen Latschen begrenzt. Von drei Seiten ziehen steile Wiesenhänge zu einer idyllisch gelegenen kleinen Almhütte, von der aus man angeblich die Hirsche sehen sollte.
Vor drei Jahren war es dann so weit. Als Ende September die Tage kühler wurden, machte ich mich an einem verregneten Freitag Nachmittag mit meiner Fotoausrüstung auf den Weg in das Tiroler Oberland. Der Wetterbericht sagte für den Vormittag nur Regenschauer und für den Nachmittag trockenes Wetter voraus, daher ließ ich mich durch den anfänglichen Platzregen nicht verunsichern. Gut bekleidet war ich nach 2 Stunden ein gutes Stück über der Waldgrenze und die Almhütte war schon in Sichtweite, als es plötzlich gleißend hell wurde. Bevor ich nur an ein Gewitter denken konnte, erschallte auch schon der Donner. Da der Rückweg zu weit war, ergriff ich die Flucht nach vorne und erreichte laufend nach kurzer Zeit die Hütte. Da diese bereits geschlossen hatte, verbrachte ich das restliche Gewitter kauernd unter einem Vordach. Nachdem das Gewitter vorbei war, ließ der Regen nach und die Sicht wurde etwas besser. Freudig erblickte ich in unmittelbarer Nähe auch schon zwei Tiere mit ihren Kälbern und einen IIIer Hirsch. Dabei schüttelte sich das Kalb einmal das viele Wasser aus dem Fell, was das daneben stehende Tier gar nicht erfreute.
Als sich die letzten Nebel verzogen, sah ich die restlichen Hirsche. Das Kahlwild stand über hunderte Meter verteilt, wobei sich zwei „Rudel“ ergaben. Bei den Tieren, die 150 m weit entfernt waren, bemühte sich ein stolzer IIer Hirsch um deren Gunst. bei dem Rudel, welches ca. 300 m weit entfernt war, erblickte ich zum ersten Mal den alten Platzhirsch, einen ungeraden 16-Ender. Der Tag ging langsam zu Ende, so begann ich mit dem Abstieg und der Absicht, nächstes Jahr wiederzukommen.

Im darauffolgenden Jahr spielte das Wetter besser mit und so verbrachte ich gleich mehrere Tage bei den Hirschen. Voller Freude erblickte ich wieder den alten Platzhirsch, der dieses Jahr zurückgesetzt hatte und nur mehr ein ungerader 14-Ender war. Er zeigte auch schön die Merkmale eines alten Hirsches: Wamme, starker Brustkern, Hängebauch, Widerrist und grimmiger Gesichtsausdruck. In seiner Bewegung strahlte er große Ruhe aus und obwohl er etwas lahmte, forderte ihn keiner der Beihirsche während meiner Anwesenheit heraus. Das Kahlwild war auch dieses Jahr großräumig verteilt, wobei der Platzhirsch die meisten Tiere in seinem Einflussbereich hatte.
Auch wenn der Platzhirsch wenig zu tun hatte, heißt das nicht, dass es friedlich zuging. Kurz vor Sonnenuntergang zog am Horizont ein grauer Hirsch, der sich sichtlich lange gesuhlt hatte, in den Talkessel ein. Nach einem lautstarken Röhr-Konzert standen er und ein weiterer Beihirsch sich schließlich gegenüber. Nun begann ein über fünf Minuten dauernder Parallelmarsch im Zeitlupentempo, bis die beiden Hirsche mehrmals hintereinander aneinander krachten. Anschließend zogen die beiden Hirsche zügig Richtung Platzhirsch, wo sie jedoch der Mut verließ und sie frühzeitig umdrehten. Mit hereinbrechender Nacht verschwanden die beiden Hirsche in der Dunkelheit.

Vom Hirschfieber erfasst machte ich mich auch heuer wieder auf den Weg zum Brunftplatz, voller Spannung ob der Platzhirsch sich noch behaupten konnte. Wie gewohnt war das Kahlwild wieder weit zerstreut, doch der Platzhirsch war noch immer die Nummer eins. Durch Gespräche mit Einheimischen und Jägern wurde mir bestätigt, dass der Hirsch um den 15. Kopf sein müsste.
Besonders beeindruckend war, wie an einem Abend der kräftigste der Beihirsche, ein mittelalter 16-Ender, minutenlang am Horizont einen Bergrücken hinauf zog. Obwohl der Hirsch mehrere hundert Meter weit entfernt war, konnte man ihn mit freiem Auge gut erkennen. Dieser Hirsch war auch immer wieder in der Nähe des Kahlwilds zu sehen, wagte es jedoch noch nicht, den Platzhirsch herauszufordern.
Bei meinem letzten Besuch bei den Hirschen war es dann so weit, die Jäger hatten den Beschluss gefasst, den Platzhirsch zu schießen. Es war in der Folge interessant zu beobachten, wie sich die Lage ohne Platzhirsch entwickeln würde. Am ersten Abend, nachdem der Platzhirsch erlegt wurde, übernahm ein schlecht veranlagter Beihirsch, den ich auch schon die zwei Jahre zuvor beobachten konnte, die Rolle des Platzhirsches. Am darauffolgenden Morgen war das Machtvakuum zu sehen. Die Beihirsche verloren ihre Furcht und waren in der Nähe des Kahlwilds zu sehen und es war viel Bewegung im Spiel. Zwischendurch gerieten zwei Hirsche aneinander ohne zuvor parallel marschiert zu sein. Dafür holten sie das im Anschluss nach. In der Abwesenheit des mittelalten 16-Enders konnte sich der schlecht veranlagte Hirsch mehr oder weniger behaupten. Mit den ersten Sonnenstrahlen zogen sich die Hirsche wieder in den Latschen zurück und boten somit für mich einen letzten schönen Anblick, bevor ich wieder ins Tal hinunter stieg.
Mir wurde berichtet, dass sich an dem darauffolgenden Morgen und den folgenden Tagen der mittelalte 16-Ender gezeigt hat und sich behaupten konnte und somit wieder etwas Ruhe eingekehrt ist. Voller Spannung blicke ich auf die kommende Brunft, um zu beobachten ob sich der neue Platzhirsch weiterhin durchsetzen kann.

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