Im Frühling, wenn der Schnee sich zurück zieht ist es wieder so weit. Dann wird es für mich Zeit die Gämsen in den mir bestens vertrauten Bergregionen des Karwendels mit meiner Fotoausrüstung zu besuchen, um zu sehen wie sie den Winter überstanden haben und ob der Nachwuchs schon da ist. Schon seit Jahren üben auf mich die jungen Gamskitze, mit ihren überproportionierten Lauschern und ihrem Übermut, eine besondere Anziehungskraft auf mich aus. In den letzten Jahren, konnte ich die Geißen mit den frisch gesetzten Kitzen nur in der Ferne im unwegsamen Gelände ausmachen. So blieb die Kamera immer im Rucksack und ich Genoss das Erlebnis.

Heuer sollte es jedoch anders sein. An einem Sonntag Mitte Juni machte ich mich bei einer wechselhaften Wetterprognose und kühlem Wetter zu meinem Fotostreifzug auf. Das Ziel lag oberhalb des Latschengürtels auf einer Höhe von 2200 hm, wo sich ein Wanderweg immer auf gleicher Höhe durch die steilen felsdurchsetzten Berghänge zieht. Zu dieser Jahreszeit sollte die Wahrscheinlichkeit dort sehr hoch sein, das eine oder andere Gamsrudel anzutreffen.

Während des Aufstiegs wurden die Nebelschwaden immer dichter und die Sicht beschränkte sich auf wenige Meter, als plötzlich ein mir bestens vertrauter ca. 9 jähriger Bock am Steig stand.  Nach einer kurzen Einschätzung der Situation zog sich der Bock in den lichten Latschengürtel zurück um dort zu äsen.

Mittlerweile war ich schon auf dem Steig oberhalb des Latschengürtels und der Nebel begann aufzulockern, als ich aus der Ferne ein leises Meckern hörte. In Rund 150 m Entfernung konnte ich ein Rudel ausmachen, dass um einen großen Felsbrocken stand. Neben den 9 Geißen konnte ich einige Jahrlinge sehen, doch von den Kitzen fehlte jede Spur. Über den Wandersteig konnte ich mich auf rund 50 m dem Rudel nähern ohne dieses zu beunruhigen und kam unter dem Rudel zu stehen. Die Freude war groß als ich durch mein Tele die ersten Kitze entdeckte. Sie hatten sich in einer Nische unter einem großen Felsbrocken versteckt und kamen jetzt heraus um zu spielen. Am Anfang waren es nur 3 Kitze die das Gelände zwischen den Geißen lebhaft erkundeten, bis es schließlich 6 Kitze waren. Dabei war gut zu erkennen, dass sich die Kitze frei zwischen den Geißen bewegten jedoch nie außerhalb. Insgesamt hatte das Rudel 9 Kitze wobei die aus meiner Sicht 3 jüngsten Kitze die Nähe ihrer Mütter suchten und sich nicht so frei bewegten. Die 6 älteren Kitze waren meist an einem Fleck und suchten nur zum Säugen ihre Mütter auf. Bei allen Kitzen war die Nabelschnur noch deutlich sichtbar, was die Vermutung Nahe legt, wie jung sie noch waren.

Nachdem ich eine Stunde lang das Rudel fotografiert hatte begann es ins freiere Gelände zu ziehen. Im leichten Gelände wurden 5 bis 6 Kitze von einer Geiß geführt, wobei hin und wieder eine zweite Geiß das Schlusslicht bildete. Im Felsdurchsetzten Gelände löste sich dieser Verband auf und die Kitze wurden meist von einer Geiß begleitet. Die Felswände stellten für die Kitze kein Problem dar und jedes kleine Schneefeld bot einen Anreizt für Sprünge, Drehungen und andere Spielereien. Ich folgte dem Rudel auf dem parallel zu ihrem Wechsel verlaufenden Wandersteig und Genoss es die überschüssige Energie der Kitze zu beobachten. Der Steig war an diesem Tag kaum begangen, wodurch das Rudel öfters die Gelegenheit Nutze auf dem Steig bequemer voran zu kommen. Durch Wanderer kam es kaum zu Störungen, einzig und allein ein Steinadler, welcher im Tiefflug das Rudel umkreiste sorgte für Unruhe. Das Rudel bildete jedoch sofort einen Kreis mit den Kitzen in der Mitte bzw. unter den Geißen. Der Adler erkannte, dass an diesem Tag hier nichts zu holen war und flog taleinwärts. Nach dieser Störung verlies ich das Rudel mit der Absicht es bald wieder zu besuchen. Die Frage ob es Gamskindergärten gibt oder nicht, sollte ich erst nach meiner zweiten Fototour wirklich beantworten können! In der mir bekannten Literatur ist man sich nicht sicher, ob dieses Verhalten nur ein Schutzmechanismus ist, dass unter anderem durch einen Beobachter ausgelöst werden kann.

Drei Tage später machte ich mich wieder einmal bei kühlem wechselhaften Wetter auf den Weg, um das zuvor beobachtete Rudel zu suchen. Die Sicht war diesmal besser und es waren auf dem Steig keine anderen Wanderer am Weg. Schon aus der Ferne nahm ich mit Freude war, dass das Rudel wieder an derselben Stelle, um den großen Felsbrocken versammelt war. Mit bereits gelungenen Fotos im Gepäck startete ich entspannt meinen Fototag. Als sich das Rudel auf den bereits bekannten Wechsel begabt konnte ich am Wandersteig immer wieder voraus gehen und warten bis das Rudel folgte. Das Rudel nahm kaum mehr Notiz von mir und der Abstand verringerte sich stetig.

Als das Rudel eine Bergwiese erreicht hatte, standen die Geißen und Jahrlinge äsend in einem weiten Kreis. In ihrer Mitte befand sich wieder der Gamskindergarten, welcher diesmal aus 8 Kitzen bestand. Nur mehr das jüngste Kitz suchte die Nähe der Mutter. Nach den anstrengenden Spielereien ruhten sich die Kitze auf einem kleinen bewachsenen Stein aus. Jetzt wollte ich wissen, wie sehr mich das Rudel akzeptiert hatte, bei dem ich mittlerweile einige Stunden verbracht hatte. In kleineren Etappen begab ich mich in Mitten des Rudels und beobachtete dabei immer die Reaktion der Geißen und Kitze. Sichtlich ungestört von meiner Anwesenheit näherte ich mich dem Gamskindergarten auf ca. 15m und verbrachte dort eine Viertelstunde. Dann war es anscheinend Zeit weiter zu ziehen. Eine Geiß kam zu den gebetteten Kitzen und stupste diese an, worauf diese aufstanden. Nachdem sich die Geiß wieder entfernt hatte, betteten sich die Kitze wieder. Fünf Minuten später wurden die Kitze von einer zweiten Geiß unsanft wach gerüttelt, indem diese mit Schwung zwischen die Kitze lief. Anschließend zog das Rudel langsam dem Grat entgegen.

Nach diesem faszinierenden Fototag kann ich nun sagen, dass es Gamskindergärten gibt. Ich war den Kitzen näher als jede der Geißen, woraus ich schließe, dass der Gamskindergärten in dieser Situation kein Schutzmechanismus war. Auffallend war, dass die ganz jungen Kitze eher bei ihren Müttern blieben und dass sich während des Beobachtungszeitraums die Kitze immer innerhalb der Geißen bewegten. Beim Ziehen durch felsiges Gelände wurde der Kindergarten teilweise aufgelöst.

Jetzt heißt es wieder ein Jahr zu warten, bis in den Bergen die kleinen Kitze mit ihren überdimensional wirkenden Lauschern munter umher springen.

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